Der Zirler Goaßer als Glücksbote

Auf dem Wege von Judenstein nach Tulfes liegt ein großes Bauernhaus, der Mehrerhof. Die Bauern
waren reich und angesehen, bis einer der Besitzer in schwere Bedrängnis kam. Kriegszeiten, Mißjahre und
anderes Ungemach hatten den Wohlstand des Hauses untergraben, und der Bauer lebte in großer Sorge,
ob er den von den Vätern ererbten Hof seinen Kindern weiter erhalten könne.

Da hatte der Bauer drei Nächte hintereinander den gleichen merkwürdigen Traum.
Er hörte eine Stimme, die ihm zurief: "Geh morgen hinauf zur Zirler Innbrücke,
dort wirst du dein Glück machen!" Der Bauer, der sonst auf Träume nichts gab, beschloß
in seiner Not, dem seltsamen Ruf zu folgen; nützt's nichts, dachte er sich, so schadet's auch nichts.

Schon in der ersten Morgenstunde machte sich der Bauer auf und ging zu Fuß den weiten Weg
bis zur Zirler Brücke, wo er bei Tagesanbruch ankam. Der erste Mensch, der ihm begegnete,
war der Zirler Goaßer, der seine Ziegen auf die Weide trieb und den ihm unbekannten Bauern
mit einem hellen Juchezer begrüßte. Der Bauer blieb den ganzen Tag über auf der Brücke,
um auf sein Glück zu warten. Aber so viele Leute tagsüber vorbeikamen, von seinem Glück
erfuhr der Bauer nichts und wollte schon abends mißmutig wieder den Heimweg antreten,
als beim läuten der Kirchenglocken wieder der Zirler Goaßer erschien, der seine Tiere heimtrieb.
Als der Bub den Bauern noch immer auf der Brücke sah, redete er ihn verwundert an:
"Ja wie, stehst du denn noch alleweil auf der Bruggen? Auf was wartest denn no?"

Nun erzählte der Bauer dem Buben seinen seltsamen Traum von der Zirler Brücke. "Schau, schau!"
meinte der Goaßer, "gibst du auf so einen Traum eppas? Denk dir, mir hat heut nacht auch was träumt,
aber i pfeif drauf. I hab träumt, daß i in an großen Bauernhof, dem Mehrerhof, sitz und daß dort
unter dem Kuchelherd ein großer Schatz vergraben ist. Aber i kenn weit und breit keinen
Mehrerhof und laß den Schatz Schatz sein!" Mit einem herzhaften "Pfüat Gott!"
verabschiedete sich darauf der Goaßer peitschenknallend vom Bauern.

Der aber wußte nun genug. Er eilte heim und begann noch in der gleichen Nacht beim Schein einer
Kerze seinen alten Küchenherd abzureißen. Als der Bauer die Herdplatte abgehoben hatte,
stieß er zu seiner maßlosen Freude wirklich auf einen großen Topf, der mit Gold- und
Silbermünzen gefüllt war. Wahrscheinlich hatte einer seiner Vorfahren im Herd sein Geld
versteckt, das nun in höchster Not dem Bauern zu Hilfe kam. Den wackeren Zirler Goaßer
wird aber der Mehrerbauer in seinem Glück hoffentlich auch nicht vergessen haben.

Quelle: Die schönsten Tiroler Sagen, Karl Paulin, Innsbruck 1972

 

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